"Und ich berühre Erinnerung"

Das Psalmendach der Kölner Philharmonie (Ps 120 - 134)
(Heinrich-Böll-Platz)

Wahrscheinlich muss man frei sein von der Disziplin der wissenschaftlichen Zunft, um die Steine singen zu hören. Ich bin so frei und versuche, den Psalmenton zu hören, den Dani Karavan vor zwölf Jahren für uns angeschlagen hat. Das Werk des israelischen Künstlers heißt "'Ma'alot', Environment aus Granit, Gußeisen, Ziegelsteinen, Eisen und Schienen, Gras und Bäumen". Da werden so gegensätzliche Materialien wie weißer italienischer Granit und rotrostende Eisenbahnschienen aus deutscher Produktion, gebackene Ziegelsteine und spärliches Gras mit Bäumen und Gebäuden zu einem "Environment" verbunden. Da erhält der völlig neu gestaltete, aber historisch seit der Römerzeit immer bedeutende Platz in Köln ein Denkmal mit hebräischem Namen. Da bekommt die moderne und zu gleicher Zeit gerade erst entstehende Kölner Philharmonie ein Dach, das nach 15 uralten biblischen Liedern benannt wird. 15 Psalmen Israels überwölben seitdem jeden Klang von Instrumenten und menschlichen Stimmen in der Kölner Philharmonie: Ma'alot.

Die Psalmen 120 - 134
Das hebräische Wort Ma'alot bezieht sich auf die 15 Psalmen 120 - 134. Luther begreift dieses Wort als "Wallfahrtslied", Buber nennt es "Aufstiegsgesang", die Vulgata übersetzt "canticum graduum" (Stufenlied), Tur-Sinai gibt es unübersetzt im Deutschen wieder als "Ma'alot-Lied". Diese Stufenlieder werden in Jerusalem im Zuge des berauschend schönen Wasserschöpffestes gesungen, während die Priester mit den Wasserkrügen von der Quelle her die Stufen zum Tempel hinaufsteigen. Der Kölner Heinrich-Böll-Platz, der nun mit diesen biblischen Psalmen verbunden ist, läßt alle diese Assoziationen zu.

Ma'alot: Becken, Schiene und Stufen
Wer vom Dom hinüberschaut zum zentralen Stufenturm der Ma'alot-Installation, dem fallen vom Hintergrund her zunächst alle modernen Verkehrs- und Reisewege ins Auge. Die vom Köln-Bonner Flughafen aus startenden Jets steigen hinter dem großen Luftfahrtgebäude am rechtsrheinischen Ufer auf. Das riesige Bürogebäude eines Kölner Autowerks schließt sich an. Im Norden begrenzt die von einem Reiterstandbild bewachte Hohenzollernbrücke mit ihren Eisenbahnzügen den Horizont, und unter all dem der Rhein mit seinen talwärts und bergwärts dieselnden Schiffen. Wahrhaftig ein Panorama modernen Verkehrs.

Die Stufen
Vom Rhein her steigen die Stufen an, über denen sich vor Jahrhunderten die Königspforte in der Stadtmauer öffnete: Königliche Gäste der Stadt sind über solche Stufen heraufgestiegen. Die Gebeine der Hl. Drei Könige wurden hier im Jahr 1165 herauf- und durch die Königspforte hereingetragen in die Stadt. "Nun stehen unsere Füße in deinen Toren..." (Ps 122, 2). Der Stufenturm deutet von beiden Seiten her solche Tore an, mit west-östlich geöffneten Flügeln.
Wer seitlich neben diesem Turm stehen bleibt, kann alsbald auch die Throne (Plural!) assoziieren, weltliche und geistliche Herrschaft bezeichnend, die hier in fürstbischöflicher Hand - oft genug zum Leidwesen der Kölner Bürger - zusammenfielen. Rabbi Avrohom Chaim Feuer erklärt zu Ps 122, 5: "The word `Kissoth´, thrones, is plural, denoting the two forms of authority which dominated Jerusalem, for both God and the House of David were sovereigns in this sacred city, and both their thrones were permanently set there" (Zitat: Radak - ArtScroll Tanach Series, Tehillim, 1983, Bd. 5, S. 1519f.)
Dani Karavan mutet uns offenbar beides zu: die Assoziation zwischen den Ma'alot in Jerusalem und den Ma'alot in Köln ebenso herzustellen wie die grundlegenden Unvergleichbarkeiten zwischen beiden zu sehen und zu bewahren. "Das Kunstwerk ... hat nicht die Aufgabe, eine bestimmte Geschichte zu erzählen oder bestimmte Zusammenhänge zu bebildern. Es kann nur Widerhall hervorrufen und Assoziationen... evozieren. Aber in der Hervorrufung dieses Echos ist das Kunstwerk frei, es hat alle Rechte und jede Freiheit, Assoziationen in jede beliebige Richtung anzustoßen und die verschiedensten Phantasien und Vorstellungen bei den Menschen auszulösen, auch Vorstellungen, die ich selbst nicht hatte, die ich nicht sehe, Bilder, die ich nicht kontrollieren kann und für die ich nicht verantwortlich bin." (Zitat: Dani Karavan, 1986, ., S. 34.)

Und so kann diese Environment-Skulptur nun zu den Psalmen 120 - 134, und so können wohl auch die "Wallfahrtspsalmen" zu unserem Kölner Platz Assoziationen wecken, die ungeahnte neue Klänge und Bilder hervorbringen. Wozu uns der Künstler Dani Karavan ermutigt, dazu fordert uns der Philosoph Martin Buber grundsätzlich auf bei der Interpretation der "großen unverlierbaren Sprüche(n) religiöser Botschaft": "Die Interpretation wird dem Spruch erst gerecht, wenn sie zu seiner Absicht in der Stunde, da sie gesprochen wurde, seine Entfaltung in all den Stunden seiner Wirkung fügt, und in besonderer Weise gerade die in dieser Stunde, in der sie, die Interpretation, sich vollzieht. Die Geschichte erweitert aber nicht allein, sie vertieft auch die Deutung..." (Zitat: Martin Buber, Geltung und Grenze des politischen Prinzips, in: ders., Hinweise, 1953, S. 33f.)

Luther "perfide" Auslegung
Versuchen wir Buber in der Auslegung der Ma'alot-Psalmen zu folgen, so verschlägt uns schon die "Entfaltung" des ersten Verses bei Luther in seinen "Dictata super Psalterium" (WA 4, 394) die Sprache: "quod psalmus iste de tribulatione perfidie et non tormentorum loquatur, satis patet ex 2. et 3. versu. Est autem primo de Iudeorum perfidia contra primitivam Ecclesiam (fidelem synagogam)..." (Dass dieser Psalm [sc. Ps 120]von der Anfechtung der Treulosigkeit und nicht von der Anfechtung wirklicher Qualen spricht, ergibt sich klar aus den Versen 2 und 3. Er handelt nämlich zu allererst von der Treulosigkeit der Juden gegenüber der alten Kirche [der wahrhaftigen Synagoge]...)". Luthers frühe Auslegung ist natürlich exegetisch nicht haltbar, aber sie ist in unserer Geschichte wirksam gewesen.

Monument der Diaspora
Und nun kontrastiere ich unmittelbar diese historisch so wirkmächtige "Entfaltung" Luthers mit der "Sprache" unseres Kölner Ma'alot-Monuments:
Es ist ein Monument der Galut, der Diaspora. Ein hebräisches Wort, ohne jede Beziehung, ohne Verstehensbrücke zu irgendeiner deutschen Bedeutung. Passanten, sofern sie die kleine Schrifttafel überhaupt lesen, stocken, bleiben weithin verständnislos, trösten sich bestenfalls damit, dass man moderne Kunst ja gar nicht verstehen müsse. Der Name "Ma'alot" bleibt in der Fremde. Und das in Köln. Und das an einem Ort, an dem die vielleicht älteste jüdische Gemeinde Deutschlands schon seit dem frühen 4. Jh. nachgewiesen ist. Und das an einem Ort, den Juden seit 1700 Jahren sehr entscheidend mitgeprägt haben, dessen Stadtmauern sie verteidigt, zu dessen Stadttoren sie die Schlüssel verwaltet haben und dessen Geistlichkeit in besonderen Fällen vor Kölner Rabbinern um ihr Recht nachsuchen oder ihr Unrecht eingestehen mußte, dessen Rathaus - wie die Kölner Annalen mit Betonung vermerken - "inter Judaeos sita est". Hier, an diesem Ort, ist die jüdische Sprache der Psalmen auch nach 1700 Jahren noch ein Fremdkörper, sind die jüdischen Psalmbeter auch nach 1700jähriger Nachbarschaft noch Fremde, im besten Falle heute schlimm verschleiernd "Mitbürgerinnen und Mitbürger" genannt.
Aber nun hat der Alttestamentler Heinrich Ewald die Ma'alot Lieder als Reiselieder verstanden und "Lieder der Heimzüge" genannt. (Zitat: nach Franz Delitzsch, Die Psalmen, S. 732.)

Die Schiene
Und es ist mehr als eine Stichwortassoziation, wenn ich an dieser Stelle die Eisenbahnschiene der Kölner Installation erwähne. Sie deutet vom Dom im Westen nach Deutz im Osten, verläuft parallel zu den heute ständig unter der Zuglast knirschenden Schienen der Hohenzollernbrücke. Hier beginnt am 21. Oktober 1941 die Deportation der noch verbliebenden 6377 Juden von Köln in die Vernichtungslager des Ostens. - Die Ma'alot-Schiene deutet nach Deutz, vom Dom aus nach Osten, gibt unserem Gedächtnis geographische und historische Orientierung.
Gehen wir mit dieser Orientierung zurück zu Luther, so wird der Zynismus eines derartigen christlichen Gebrauchs der Psalmen erschütternd deutlich. Hier wird der Versuch gemacht, den Juden sogar noch den eigenen Schmerz zu rauben. Aus der jüdischen Klage über das schreckliche Leben im Exil: "Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not... Wehe mir, dass ich weilen muß unter Meschek; ich muß wohnen bei den Zelten Kedars! Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen" wird in willkürlicher Verdrehung eine christliche Klage über jüdische Feindschaft gegen das Christentum. Die so mißbrauchten Ma'alot-Gebete verzeichnen den tiefen Fall in die Abgründe christlicher Judenfeindschaft und in die Willkür einer israelvergessenen Eis(!)egese.

Die "Einleitung zu den Psalmen" in der deutschsprachigen katholischen Jerusalemer Bibel erklärt ganz entsprechend dieser gesamtchristlichen Tradition judenfeindlicher Exegese und völlig unberührt von irgendeiner Nachdenklichkeit angesichts der zweitausendjährigen Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehung: "Die christliche Kirche hat den Psalter unverändert zu ihrem offiziellen Gebet gemacht. Ohne Veränderung. ... Ohne Veränderung im Wortlaut, aber mit einer beträchtlichen Bereicherung in der Bedeutung... Die Hoffnungen, von denen die Psalmisten sangen, gehen in Erfüllung; der Messias ist gekommen...". (Zitat: Herder, 19769, S. 729)
Dani Karavans Orientierung ist eine unverzichtbare Warnung vor solcherlei zynischem Gebete und Gesinge der Psalmen Israels in unseren Kirchen und Kathedralen.

Israels Psalmen
Daraus folgt natürlich die Frage, mit welchem Recht wir Christen überhaupt die Psalmen Israels benutzen. Jahrhundertelang wurde diese Frage einfach nicht gestellt. In der Verdrängungstradition, die die Kirche zum "wahren Israel" gemacht hat (Luther: "So tu Israel rechter Art, der aus dem Geist gezeuget ward" - EG 299, 4.), blieben wir ja die einzig wahren Erben dieser Tradition und die einzig berechtigten Sänger und Beter der Psalmen. Glücklicherweise haben heute einige unter uns entdeckt, wie verhängnisvoll diese Sicht tatsächlich ist: "Rather than seeing itself as a novelty within the continuation of the Jewish story, the Church told its story as the only and sufficient continuation of that ancient Israel, leaving no room for the continuing life of the Jewish people. The results of that move have been physically destructive for Jews. They have also been spiritually destructive of the Church." Paul van Buren zieht damit die Linie jener Schiene vom Dom zum Deutzer Bahnhof aus und entspricht der Orientierung der Kölner Ma'alot-Installation. Und van Burens Konsequenz berührt nun die Frage nach dem Recht des christlichen Gebrauchs alttestamentlicher Bibeltexte zentral: "The thesis to be argued in this essay, however, is that the Church should learn to read, and may discover the excitement of reading, the Hebrew Scriptures as a quite special case of reading someone else's mail..." (Zitat: Paul van Buren, On Reading Someone Else's Mail: The Church and Israel's Scriptures, in: Erhard Blum (Hg.), Die Hebräische Bibel und ihre zweifache Nachgeschichte. FS für R. Rendtorff, 1990, S. 596.)

Und van Buren erklärt dann, wie seines Erachtens die neutestamentlichen Schriften uns zum Gebrauch der Hebräischen Bibel authorisieren, nämlich so, dass sie unser Verständnis hinüberleiten vom "Gott der Religion" hin zu "dem Gott wirklicher Menschen, die in wirklichen Lebensumständen in einer wirklichen Welt" leben. Unser Recht, die hebräischen Psalmen zu lesen, zu singen und zu beten, hängt also unmittelbar an unserer Bereitschaft, sie zuerst zu verstehen und zu akzeptieren als Israels Texte, Lieder und Gebete. "The Church could be helped to hear this if it were to attend not only to Israel's Scriptures, but also to post-biblical Israel and how it has read (and still does read! MM) its Scriptures" (Zitat: Paul van Buren, On Reading Someone Else's Mail: The Church and Israel's Scriptures, in: Erhard Blum (Hg.), Die Hebräische Bibel und ihre zweifache Nachgeschichte. FS für R. Rendtorff, 1990, S. 605.)

Und eben eine solche "post-biblical" jüdische Stimme ist auch die der Steine, Schienen und Pflanzen auf dem Heinrich-Böll-Platz. Und wenn Christen heute in Köln Psalmen lesen, können sie und dürfen sie nach van Burens Erkenntnis die Stimme dieser Steine nicht überhören.
Allerdings werden wir dann auch nicht umhin können, die vielen anderen nachbiblischen jüdischen Stimmen mitzuhören, deren Echo Dani Karavan - wissend und willentlich, oder nicht - hier aufgenommen hat.

Jüdische Auslegungen
Ich skizziere hier nur zwei besonders unterschiedliche jüdische Auslegungsbeispiele, um die Weite der Verstehensmöglichkeiten zu erfassen. Beide wurden von ehemaligen mährischen Oberrabbinern vorgetragen.
Samson Rapahel Hirsch war vor seiner Berufung zur Frankfurter Gemeinde der "Trennungs-Orthodoxie" (1851) Oberrabbiner in Mähren und Österreichisch-Schlesien am Rabbinat von Nikolsburg. In seinem Briefwechsel über die Psalmen erklärt er seine besondere Liebe zu diesem biblischen Buch der Psalmen, die für ihn "zuerst und vor allem der gemeinsame Besitz unseres Volkes" sind und die am Ende der Menschheit insgesamt gehören werden. (Zitat: S.R. Hirsch, Collected Writings, Bd. IV, 1986, S. 260.) Die Ma'alot-Psalmen aber versteht er vor allem als ethisch-religiöse Aufstiegslieder "die alle miteinander dem Menschen helfen sollen, nach oben zu streben, 'aufzusteigen' aus den Tiefen des Elends... Zusammen stehen diese 15 Schire ha ma'alot für die 'Stufen', die Israel zum Berge Gottes hinaufsteigt, zum Heiligtum SEINES Gesetzes". (Zitat: S.R. Hirsch, Collected Writings, Bd. IV, 1986, S. 363.) Und da für Samson Raphael Hirsch Israels Zerstreuung unumstößliche Realität bis zum Kommen des Messias bleiben wird, muß er die wirklichen Orte Jerusalem und Zion in einer merkwürdigen halb spiritualisierten Schwebe halten. So erklärt er zu Ps 125: "ER sagt uns, wie durch Gottes Hilfe, die so offensichtlich das wandernde jüdische Volk zu allen Zeiten begleitet hat, Israel nach der Zerstörung des Tempels selber zum lebendigen Berg Zion geworden ist und so Gottes Gegenwart auf Erden preist und allen aufrichtigen Menschen verkündet, dass am Ende der Tage die Tugend den Sieg davontragen wird" (Zitat: S.R. Hirsch, Collected Writings, Bd. IV, 1986, S. 377.)
Ganz anders der mährische Oberrabbiner Juda Löw Ben Bezalel (Maharal von Prag, ungefähr 1525 - 1609), dem der moderne Kommentar von Rabbi Avrohom Chaim Feuer (ArtScroll Tanach Series, Tehillim, Bd. 5, S. 1499.) zunächst über drei Seiten hinweg folgt. Hier wird die Bedeutung der Zahlen in jüdischer, kabbalistischer Tradition als Schlüssel zum Verstehen herangezogen. Die Assoziationsbreite zur Zahlensymbolik ist schier unerschöpflich, darum soll sie hier nur schematisch angedeutet werden, wobei ich auf Maharals Linie weitere Spekulationsmöglichkeiten mit den Zahlen aus Dani Karavans Installation anfüge.

Im Hebräischen hat jeder Buchstabe zugleich einen Zahlenwert: a(aleph)=1, d(dalet)=4, h(heh)=5, v(waw)=6, y(jut)=10, m(mem)=40




Dieses Zahlenspiel könnte natürlich rasch als ein kurioses Beispiel kabbalistischer Spekulation übergangen werden, wenn nicht Dani Karavan so ausdrücklich auf solche Zahlen hinwiese. Am Ausgangspunkt seiner Installation vom Chorraum des Domes aus gesehen liegt eine eiserne Platte im Boden, auf der kommentarlos und scheinbar beziehungslos folgende Zahlen zu lesen sind:
6 - 9 - 45 - 90 - 135 - 180 - 270

Natürlich sind das alles Zahlen, die in Höhen-, Längen- und Winkelmaßen der Installation in irgendeiner Weise erscheinen. Aber ebenso, wie die mittelalterlichen Dombaumeister ihre Kon-struktionsmaße nicht nur technisch entwickelt, sondern meistens auch mit Bedeutung aufgeladen haben (vgl. den homo vitruvius bei Michelangelo), so verstehe ich Karavans Arbeitsweise als Interpretation auf allen Ebenen. Dabei haben offensichtlich die Zahlen auch eine bedeutende Rolle im Spiel zwischen Formen, Texten und Geschichte dieses Volkes an diesem Ort.

Schauen wir uns einige Zahlen und Maße der Ma'alot-Installationen im einzelnen an:
6 ist die Differenz zwischen 15 (Schöpfung) und 9 (Mensch).
9 ist eine der Zahlen des Menschen. 10,8 Meter ist die Höhe des Stufenturms, d.h. 6 x 1,8 Meter (der Mensch ist im Durchschnitt 1,8 Meter groß).
18/180 ist ein Vielfaches von 9, einem Zahlenwert von Adam.
180 ist ein Vielfaches von 9 bzw. 45, bzw. 90, den Zahlen für den Menschen, das Menschenpaar, Menschenbeziehung.
45 ist nach der vorhergehenden Übersicht die Quersumme von Adam.
Vom Zentrum der Kreise zur Domspitze öffnet sich ein Winkel von 45 Grad.
Jede Stufe verjüngt den Ma'alotturm um 45 cm.
90 cm beträgt die Modullänge sämtlicher Linien der Gebäudefassade.




6.000.000

Ist 6 die Zahl für die verwüstete Erde, die Erde ohne Menschen, die Shoah?
Sechs Bäume, sechs Blöcke, sechs Schienen, sechs Kreise im "Labyrinth": Sechs Millionen Juden starben unter deutschem Terror. Sechs Tage soll der Mensch arbeiten.
Der Gruppe von sechs Akazien korrespondieren auf der gegen-überliegenden Seite neun Ahornbäume.

Mit diesen Beispielen ist nun genügend Material ausgebreitet, um zwischen den biblischen Psalmen 120 -134 und der Installation auf dem Kölner Heinrich-Böll-Platz ein Gespräch zu eröffnen. Ermöglicht wird das Gespräch dadurch, dass ein jüdischer Künstler uns mit seiner Arbeit geradezu nötigt, die Psalmen Israels hier zur Sprache zu bringen. Damit unterstreicht Dani Karavan, was nach van Burens Einsicht die Rolle der Evangelisten und Apostel für uns von jeher war: Sie laden uns ein, "die fremde Post" zu lesen, und zwar so, dass wir die Geschichte der ersten Adressaten ganz bewußt mitlesen. Nun sprechen die Kölner Stei-ne Hebräisch mit uns: Ma'alot.
Ma'alot über der Kölner Philharmonie: Ma'alot ist für Raschi, Radak und Ibn Esra ein musikalischer Ausdruck, der auf ansteigende Töne und anschwellende Lautstärke hinweist. Mit immer höheren und immer lauteren Tönen singen nach dieser Ausle-gung die Juden gegen die Leiden des Exils immer stärker und zuversichtlicher an. Diverse Stationen des Exils werden in der Gruppe der Ma'alot-Psalmen angesprochen: Ägypten im Süden (Ps 129, 1), Babylonien im Osten (Ps 126 nach Avrohom Chaim Feuer), Meschek im Norden (Ps 120, 5 nach Raschi gemäß Gen 10, 2 ein Volk am Schwarzen Meer) und im Westen Griechenland / Rom (Midrasch Shoher Tov zu Ps 120, 5).
Und nun erkennen wir uns selber neben Ägypten, Babylonien, Meschek und Rom als einen weiteren Ort des Exils für Israel. Und wenn wir diese Psalmen mit Israel sprechen, erkennen wir uns als "Einwanderungsland", in dem unter anderen Migranten auch Juden einen Platz gesucht haben neben uns. Israels Psalmen zu beten, das heißt dann aber für uns unmittelbar und unweigerlich, dass wir uns entscheiden müssen, ob wir für die ersten Adressaten "Einwanderungsland" sein wollen oder nicht. Wir können diese Psalmen nicht haben ohne ihre ersten Adressaten. Und wir können sie nur als religiöse Hehlerware behalten, wenn wir diesen und dem "vielen Schwarmgemeng mit ihnen" (Die fünf Bücher der Weisung, verdeutscht von Martin Buber in Gemeinschaft mit Franz Rosenzweig, 19683, zu Ex 12, 38) die Tore verschließen.


Der Dom und die Psalmen
So aber bekommt Köln, bekommt der 750 Jahre alte Dom, bekommen wir alle eine eigene Note in den Aufstiegsliedern; wir sind auf diese Weise selber mit in den Psalter hineingeschrieben und erfahren sehr konkret: tua res agitur. Im Gespräch zwischen Karavans Ma'alot, der Geschichte dieses Ortes und den Gesängen der Leviten auf den Stufen des Tempels werden wir in den biblischen Text mit eingeschrieben, allerdings bedrängend konkret und ohne die Möglichkeit, in eine verallgemeinernde Menschheitsthematik zu flüchten.

Zion kommt nicht nach Köln, und der Dom wird nicht zum Tempel Jerusalems. (Im besten Fall wird er eine Übergangshütte unterwegs.) Aber die Ma'alot-Psalmen stellen uns hier zwischen dem Zuglärm des Hauptbahnhofs, den Orgel- und Glockenklängen des Doms, den Symphonien der Philharmonie und dem Gurgeln des Rheins zur Rede: Wünschen wir Jerusalem Glück, dem wirklichen Jerusalem wirkliches Glück (Ps 122, 6)?

Ahorn und Akazien
Sechs Akazien hat Dani Karavan neun Ahornbäume gegenüber gepflanzt. Der Ahorn, englisch sycomore, gehört zur botanischen Familie der Sycomoren. Die Sykomore (Griechisch sukaminoV , hebräisch hefw, botanisch Ficus sycomorus) kommt in bibli-schen Texten verschiedentlich vor; sie ist als hervorragendes Bauholz bekannt im ganzen Nahen Osten. Die Ägypter verwen-den sie besonders gerne beim Bau von Mumiensärgen wegen ihrer ausgezeichneten Haltbarkeit. König Salomo hat sie beim Tempelbau eingesetzt. Ihr Wert wird so hoch eingeschätzt, dass König David einen besonderen Beamten, den Baal-Hanan aus Gader, zur Überwachung des Sykomorenbestands einsetzt. (1. Chr. 27,28.). So könnten die 9 Ahornbäume uns eine weitere Asso-ziationsbrücke zum Tempel in Jerusalem bieten.
Aber warum auf der anderen Seite die Akazien? Die Encyclopaedia Judaica widmet der Akazie einen längeren eigenen Artikel, der beginnt mit den Worten: "Acacia (Heb. hfew, shittah), a tree of Israel..." (Encyclopaedia Judaica, 2, S. 198) Und dann verweist uns der Artikel auf Jes. 41, 19: "Nach Jesaja werden Akazien die Straße der aus dem Exil Heimkehrenden säumen und werden das wüste Land zur Zeit der Erlösung erblühen lassen" . (Encyclopaedia Judaica, 2, S. 198)
So singen neben den Steinen die Bäume in Karavans Ma'alot. Und wir werden aus der Geschichte und aus der Orientierung der Schienen nicht entlassen. Aber dennoch hat diese Psalmenskulptur auch etwas Heiteres, Offenes, Zukunftsträchtiges. Wäre es denn denkbar, dass der alte Dom die noch älteren Psalmen Israels in diesem Sinne neu singen und beten lernte? Text der Gedenktafel: "An dieser Stelle war der Aufgang zum Bahnhof Deutz-Tief. Von hier aus wurden 1940/41 mehr als 1500 Sinti und Roma und seit 1941 über 11000 Juden in Konzentrationslager deportiert. Zudem wurden die Häftlinge des Messelagers Deutz hier an- und abtransportiert. Über diese Treppe gingen viele Menschen in den Tod."

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