Evangelischer Stadtkirchenverband Köln -- Neu + gepflegt --
"Und ich berühre Erinnerung"
Das Psalmendach der Kölner Philharmonie (Ps 120 - 134)
(Heinrich-Böll-Platz)
Wahrscheinlich muss man frei sein von der Disziplin der wissenschaftlichen Zunft,
um die Steine singen zu hören. Ich bin so frei und versuche, den Psalmenton zu
hören, den Dani Karavan vor zwölf Jahren für uns angeschlagen hat. Das Werk des
israelischen Künstlers heißt "'Ma'alot', Environment aus Granit, Gußeisen, Ziegelsteinen,
Eisen und Schienen, Gras und Bäumen". Da werden so gegensätzliche Materialien
wie weißer italienischer Granit und rotrostende Eisenbahnschienen aus deutscher
Produktion, gebackene Ziegelsteine und spärliches Gras mit Bäumen und Gebäuden
zu einem "Environment" verbunden. Da erhält der völlig neu gestaltete, aber historisch
seit der Römerzeit immer bedeutende Platz in Köln ein Denkmal mit hebräischem
Namen. Da bekommt die moderne und zu gleicher Zeit gerade erst entstehende Kölner
Philharmonie ein Dach, das nach 15 uralten biblischen Liedern benannt wird. 15
Psalmen Israels überwölben seitdem jeden Klang von Instrumenten und menschlichen
Stimmen in der Kölner Philharmonie: Ma'alot. Die Psalmen 120 - 134 Das hebräische Wort Ma'alot bezieht sich auf die 15 Psalmen 120 - 134. Luther
begreift dieses Wort als "Wallfahrtslied", Buber nennt es "Aufstiegsgesang", die
Vulgata übersetzt "canticum graduum" (Stufenlied), Tur-Sinai gibt es unübersetzt
im Deutschen wieder als "Ma'alot-Lied". Diese Stufenlieder werden in Jerusalem
im Zuge des berauschend schönen Wasserschöpffestes gesungen, während die Priester
mit den Wasserkrügen von der Quelle her die Stufen zum Tempel hinaufsteigen. Der
Kölner Heinrich-Böll-Platz, der nun mit diesen biblischen Psalmen verbunden ist,
läßt alle diese Assoziationen zu.
Ma'alot: Becken, Schiene und Stufen
Wer vom Dom hinüberschaut zum zentralen Stufenturm der Ma'alot-Installation, dem
fallen vom Hintergrund her zunächst alle modernen Verkehrs- und Reisewege ins
Auge. Die vom Köln-Bonner Flughafen aus startenden Jets steigen hinter dem großen
Luftfahrtgebäude am rechtsrheinischen Ufer auf. Das riesige Bürogebäude eines
Kölner Autowerks schließt sich an. Im Norden begrenzt die von einem Reiterstandbild
bewachte Hohenzollernbrücke mit ihren Eisenbahnzügen den Horizont, und unter all
dem der Rhein mit seinen talwärts und bergwärts dieselnden Schiffen. Wahrhaftig
ein Panorama modernen Verkehrs.
Die Stufen Vom Rhein her
steigen die Stufen an, über denen sich vor Jahrhunderten die Königspforte in der
Stadtmauer öffnete: Königliche Gäste der Stadt sind über solche Stufen heraufgestiegen.
Die Gebeine der Hl. Drei Könige wurden hier im Jahr 1165 herauf- und durch die
Königspforte hereingetragen in die Stadt. "Nun stehen unsere Füße in deinen Toren..."
(Ps 122, 2). Der Stufenturm deutet von beiden Seiten her solche Tore an, mit west-östlich
geöffneten Flügeln.
Wer seitlich neben diesem Turm stehen bleibt, kann alsbald auch die Throne (Plural!)
assoziieren, weltliche und geistliche Herrschaft bezeichnend, die hier in fürstbischöflicher
Hand - oft genug zum Leidwesen der Kölner Bürger - zusammenfielen. Rabbi Avrohom
Chaim Feuer erklärt zu Ps 122, 5: "The word `Kissoth´, thrones, is plural, denoting
the two forms of authority which dominated Jerusalem, for both God and the House
of David were sovereigns in this sacred city, and both their thrones were permanently
set there" (Zitat: Radak - ArtScroll Tanach Series, Tehillim, 1983, Bd. 5, S.
1519f.)
Dani Karavan mutet uns offenbar beides zu: die Assoziation zwischen den Ma'alot
in Jerusalem und den Ma'alot in Köln ebenso herzustellen wie die grundlegenden
Unvergleichbarkeiten zwischen beiden zu sehen und zu bewahren. "Das Kunstwerk
... hat nicht die Aufgabe, eine bestimmte Geschichte zu erzählen oder bestimmte
Zusammenhänge zu bebildern. Es kann nur Widerhall hervorrufen und Assoziationen...
evozieren. Aber in der Hervorrufung dieses Echos ist das Kunstwerk frei, es hat
alle Rechte und jede Freiheit, Assoziationen in jede beliebige Richtung anzustoßen
und die verschiedensten Phantasien und Vorstellungen bei den Menschen auszulösen,
auch Vorstellungen, die ich selbst nicht hatte, die ich nicht sehe, Bilder, die
ich nicht kontrollieren kann und für die ich nicht verantwortlich bin." (Zitat:
Dani Karavan, 1986, ., S. 34.)
Und so kann diese Environment-Skulptur nun zu den Psalmen 120 - 134, und so können
wohl auch die "Wallfahrtspsalmen" zu unserem Kölner Platz Assoziationen wecken,
die ungeahnte neue Klänge und Bilder hervorbringen. Wozu uns der Künstler Dani
Karavan ermutigt, dazu fordert uns der Philosoph Martin Buber grundsätzlich auf
bei der Interpretation der "großen unverlierbaren Sprüche(n) religiöser Botschaft":
"Die Interpretation wird dem Spruch erst gerecht, wenn sie zu seiner Absicht
in der Stunde, da sie gesprochen wurde, seine Entfaltung in all den Stunden seiner
Wirkung fügt, und in besonderer Weise gerade die in dieser Stunde, in der sie,
die Interpretation, sich vollzieht. Die Geschichte erweitert aber nicht allein,
sie vertieft auch die Deutung..." (Zitat: Martin Buber, Geltung und Grenze des
politischen Prinzips, in: ders., Hinweise, 1953, S. 33f.)
Luther "perfide" Auslegung
Versuchen wir Buber in der Auslegung der Ma'alot-Psalmen zu folgen, so verschlägt
uns schon die "Entfaltung" des ersten Verses bei Luther in seinen "Dictata super
Psalterium" (WA 4, 394) die Sprache: "quod psalmus iste de tribulatione perfidie
et non tormentorum loquatur, satis patet ex 2. et 3. versu. Est autem primo de
Iudeorum perfidia contra primitivam Ecclesiam (fidelem synagogam)..." (Dass dieser
Psalm [sc. Ps 120]von der Anfechtung der Treulosigkeit und nicht von der Anfechtung
wirklicher Qualen spricht, ergibt sich klar aus den Versen 2 und 3. Er handelt
nämlich zu allererst von der Treulosigkeit der Juden gegenüber der alten Kirche
[der wahrhaftigen Synagoge]...)". Luthers frühe Auslegung ist natürlich exegetisch
nicht haltbar, aber sie ist in unserer Geschichte wirksam gewesen.
Monument der Diaspora
Und nun kontrastiere ich unmittelbar diese historisch so wirkmächtige "Entfaltung"
Luthers mit der "Sprache" unseres Kölner Ma'alot-Monuments:
Es ist ein Monument der Galut, der Diaspora. Ein hebräisches Wort, ohne jede Beziehung,
ohne Verstehensbrücke zu irgendeiner deutschen Bedeutung. Passanten, sofern sie
die kleine Schrifttafel überhaupt lesen, stocken, bleiben weithin verständnislos,
trösten sich bestenfalls damit, dass man moderne Kunst ja gar nicht verstehen
müsse. Der Name "Ma'alot" bleibt in der Fremde. Und das in Köln. Und das an einem
Ort, an dem die vielleicht älteste jüdische Gemeinde Deutschlands schon seit dem
frühen 4. Jh. nachgewiesen ist. Und das an einem Ort, den Juden seit 1700 Jahren
sehr entscheidend mitgeprägt haben, dessen Stadtmauern sie verteidigt, zu dessen
Stadttoren sie die Schlüssel verwaltet haben und dessen Geistlichkeit in besonderen
Fällen vor Kölner Rabbinern um ihr Recht nachsuchen oder ihr Unrecht eingestehen
mußte, dessen Rathaus - wie die Kölner Annalen mit Betonung vermerken - "inter
Judaeos sita est". Hier, an diesem Ort, ist die jüdische Sprache der Psalmen auch
nach 1700 Jahren noch ein Fremdkörper, sind die jüdischen Psalmbeter auch nach
1700jähriger Nachbarschaft noch Fremde, im besten Falle heute schlimm verschleiernd
"Mitbürgerinnen und Mitbürger" genannt.
Aber nun hat der Alttestamentler Heinrich Ewald die Ma'alot Lieder als Reiselieder
verstanden und "Lieder der Heimzüge" genannt. (Zitat: nach Franz Delitzsch, Die
Psalmen, S. 732.)
Die Schiene
Und es ist mehr als eine Stichwortassoziation, wenn ich an dieser Stelle die Eisenbahnschiene
der Kölner Installation erwähne. Sie deutet vom Dom im Westen nach Deutz im Osten,
verläuft parallel zu den heute ständig unter der Zuglast knirschenden Schienen
der Hohenzollernbrücke. Hier beginnt am 21. Oktober 1941 die Deportation der noch
verbliebenden 6377 Juden von Köln in die Vernichtungslager des Ostens. - Die Ma'alot-Schiene
deutet nach Deutz, vom Dom aus nach Osten, gibt unserem Gedächtnis geographische
und historische Orientierung.
Gehen wir mit dieser Orientierung zurück zu Luther, so wird der Zynismus eines
derartigen christlichen Gebrauchs der Psalmen erschütternd deutlich. Hier wird
der Versuch gemacht, den Juden sogar noch den eigenen Schmerz zu rauben. Aus der
jüdischen Klage über das schreckliche Leben im Exil: "Ich rufe zu dem HERRN in
meiner Not... Wehe mir, dass ich weilen muß unter Meschek; ich muß wohnen bei
den Zelten Kedars! Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden
hassen" wird in willkürlicher Verdrehung eine christliche Klage über jüdische
Feindschaft gegen das Christentum. Die so mißbrauchten Ma'alot-Gebete verzeichnen
den tiefen Fall in die Abgründe christlicher Judenfeindschaft und in die Willkür
einer israelvergessenen Eis(!)egese.
Die "Einleitung zu den Psalmen" in der deutschsprachigen katholischen Jerusalemer
Bibel erklärt ganz entsprechend dieser gesamtchristlichen Tradition judenfeindlicher
Exegese und völlig unberührt von irgendeiner Nachdenklichkeit angesichts der zweitausendjährigen
Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehung: "Die christliche Kirche hat den
Psalter unverändert zu ihrem offiziellen Gebet gemacht. Ohne Veränderung. ...
Ohne Veränderung im Wortlaut, aber mit einer beträchtlichen Bereicherung in der
Bedeutung... Die Hoffnungen, von denen die Psalmisten sangen, gehen in Erfüllung;
der Messias ist gekommen...". (Zitat: Herder, 19769, S. 729)
Dani Karavans Orientierung ist eine unverzichtbare Warnung vor solcherlei zynischem
Gebete und Gesinge der Psalmen Israels in unseren Kirchen und Kathedralen.
Israels Psalmen
Daraus folgt natürlich die Frage, mit welchem Recht wir Christen überhaupt die
Psalmen Israels benutzen. Jahrhundertelang wurde diese Frage einfach nicht gestellt.
In der Verdrängungstradition, die die Kirche zum "wahren Israel" gemacht hat (Luther:
"So tu Israel rechter Art, der aus dem Geist gezeuget ward" - EG 299, 4.), blieben
wir ja die einzig wahren Erben dieser Tradition und die einzig berechtigten Sänger
und Beter der Psalmen. Glücklicherweise haben heute einige unter uns entdeckt,
wie verhängnisvoll diese Sicht tatsächlich ist: "Rather than seeing itself as
a novelty within the continuation of the Jewish story, the Church told its story
as the only and sufficient continuation of that ancient Israel, leaving no room
for the continuing life of the Jewish people. The results of that move have been
physically destructive for Jews. They have also been spiritually destructive of
the Church." Paul van Buren zieht damit die Linie jener Schiene vom Dom zum Deutzer
Bahnhof aus und entspricht der Orientierung der Kölner Ma'alot-Installation. Und
van Burens Konsequenz berührt nun die Frage nach dem Recht des christlichen Gebrauchs
alttestamentlicher Bibeltexte zentral: "The thesis to be argued in this essay,
however, is that the Church should learn to read, and may discover the excitement
of reading, the Hebrew Scriptures as a quite special case of reading someone else's
mail..." (Zitat: Paul van Buren, On Reading Someone Else's Mail: The Church and
Israel's Scriptures, in: Erhard Blum (Hg.), Die Hebräische Bibel und ihre zweifache
Nachgeschichte. FS für R. Rendtorff, 1990, S. 596.)
Und van Buren erklärt dann, wie seines Erachtens die neutestamentlichen Schriften
uns zum Gebrauch der Hebräischen Bibel authorisieren, nämlich so, dass sie unser
Verständnis hinüberleiten vom "Gott der Religion" hin zu "dem Gott wirklicher
Menschen, die in wirklichen Lebensumständen in einer wirklichen Welt" leben. Unser
Recht, die hebräischen Psalmen zu lesen, zu singen und zu beten, hängt also unmittelbar
an unserer Bereitschaft, sie zuerst zu verstehen und zu akzeptieren als Israels
Texte, Lieder und Gebete. "The Church could be helped to hear this if it were
to attend not only to Israel's Scriptures, but also to post-biblical Israel and
how it has read (and still does read! MM) its Scriptures" (Zitat: Paul van Buren,
On Reading Someone Else's Mail: The Church and Israel's Scriptures, in: Erhard
Blum (Hg.), Die Hebräische Bibel und ihre zweifache Nachgeschichte. FS für R.
Rendtorff, 1990, S. 605.)
Und eben eine solche "post-biblical" jüdische Stimme ist auch die der Steine,
Schienen und Pflanzen auf dem Heinrich-Böll-Platz. Und wenn Christen heute in
Köln Psalmen lesen, können sie und dürfen sie nach van Burens Erkenntnis die Stimme
dieser Steine nicht überhören.
Allerdings werden wir dann auch nicht umhin können, die vielen anderen nachbiblischen
jüdischen Stimmen mitzuhören, deren Echo Dani Karavan - wissend und willentlich,
oder nicht - hier aufgenommen hat.
Jüdische Auslegungen
Ich skizziere hier nur zwei besonders unterschiedliche jüdische Auslegungsbeispiele,
um die Weite der Verstehensmöglichkeiten zu erfassen. Beide wurden von ehemaligen
mährischen Oberrabbinern vorgetragen.
Samson Rapahel Hirsch war vor seiner Berufung zur Frankfurter Gemeinde der "Trennungs-Orthodoxie"
(1851) Oberrabbiner in Mähren und Österreichisch-Schlesien am Rabbinat von Nikolsburg.
In seinem Briefwechsel über die Psalmen erklärt er seine besondere Liebe zu diesem
biblischen Buch der Psalmen, die für ihn "zuerst und vor allem der gemeinsame
Besitz unseres Volkes" sind und die am Ende der Menschheit insgesamt gehören werden.
(Zitat: S.R. Hirsch, Collected Writings, Bd. IV, 1986, S. 260.) Die Ma'alot-Psalmen
aber versteht er vor allem als ethisch-religiöse Aufstiegslieder "die alle miteinander
dem Menschen helfen sollen, nach oben zu streben, 'aufzusteigen' aus den Tiefen
des Elends... Zusammen stehen diese 15 Schire ha ma'alot für die 'Stufen', die
Israel zum Berge Gottes hinaufsteigt, zum Heiligtum SEINES Gesetzes". (Zitat:
S.R. Hirsch, Collected Writings, Bd. IV, 1986, S. 363.) Und da für Samson Raphael
Hirsch Israels Zerstreuung unumstößliche Realität bis zum Kommen des Messias bleiben
wird, muß er die wirklichen Orte Jerusalem und Zion in einer merkwürdigen halb
spiritualisierten Schwebe halten. So erklärt er zu Ps 125: "ER sagt uns, wie durch
Gottes Hilfe, die so offensichtlich das wandernde jüdische Volk zu allen Zeiten
begleitet hat, Israel nach der Zerstörung des Tempels selber zum lebendigen Berg
Zion geworden ist und so Gottes Gegenwart auf Erden preist und allen aufrichtigen
Menschen verkündet, dass am Ende der Tage die Tugend den Sieg davontragen wird"
(Zitat: S.R. Hirsch, Collected Writings, Bd. IV, 1986, S. 377.)
Ganz anders der mährische Oberrabbiner Juda Löw Ben Bezalel (Maharal von Prag,
ungefähr 1525 - 1609), dem der moderne Kommentar von Rabbi Avrohom Chaim Feuer
(ArtScroll Tanach Series, Tehillim, Bd. 5, S. 1499.) zunächst über drei Seiten
hinweg folgt. Hier wird die Bedeutung der Zahlen in jüdischer, kabbalistischer
Tradition als Schlüssel zum Verstehen herangezogen. Die Assoziationsbreite zur
Zahlensymbolik ist schier unerschöpflich, darum soll sie hier nur schematisch
angedeutet werden, wobei ich auf Maharals Linie weitere Spekulationsmöglichkeiten
mit den Zahlen aus Dani Karavans Installation anfüge.
Im Hebräischen hat jeder Buchstabe zugleich einen Zahlenwert: a(aleph)=1, d(dalet)=4,
h(heh)=5, v(waw)=6, y(jut)=10, m(mem)=40
Dieses Zahlenspiel könnte natürlich rasch als ein kurioses Beispiel kabbalistischer
Spekulation übergangen werden, wenn nicht Dani Karavan so ausdrücklich auf solche
Zahlen hinwiese. Am Ausgangspunkt seiner Installation vom Chorraum des Domes aus
gesehen liegt eine eiserne Platte im Boden, auf der kommentarlos und scheinbar
beziehungslos folgende Zahlen zu lesen sind:
6 - 9 - 45 - 90 - 135 - 180 - 270
Natürlich sind das alles Zahlen, die in Höhen-, Längen- und Winkelmaßen der Installation
in irgendeiner Weise erscheinen. Aber ebenso, wie die mittelalterlichen Dombaumeister
ihre Kon-struktionsmaße nicht nur technisch entwickelt, sondern meistens auch
mit Bedeutung aufgeladen haben (vgl. den homo vitruvius bei Michelangelo), so
verstehe ich Karavans Arbeitsweise als Interpretation auf allen Ebenen. Dabei
haben offensichtlich die Zahlen auch eine bedeutende Rolle im Spiel zwischen Formen,
Texten und Geschichte dieses Volkes an diesem Ort.
Schauen wir uns einige Zahlen und Maße der Ma'alot-Installationen im einzelnen
an:
6 ist die Differenz zwischen 15 (Schöpfung) und 9 (Mensch).
9 ist eine der Zahlen des Menschen. 10,8 Meter ist die Höhe des Stufenturms, d.h.
6 x 1,8 Meter (der Mensch ist im Durchschnitt 1,8 Meter groß).
18/180 ist ein Vielfaches von 9, einem Zahlenwert von Adam.
180 ist ein Vielfaches von 9 bzw. 45, bzw. 90, den Zahlen für den Menschen, das
Menschenpaar, Menschenbeziehung.
45 ist nach der vorhergehenden Übersicht die Quersumme von Adam.
Vom Zentrum der Kreise zur Domspitze öffnet sich ein Winkel von 45 Grad.
Jede Stufe verjüngt den Ma'alotturm um 45 cm.
90 cm beträgt die Modullänge sämtlicher Linien der Gebäudefassade.
6.000.000
Ist 6 die Zahl für die verwüstete Erde, die Erde ohne Menschen, die Shoah?
Sechs Bäume, sechs Blöcke, sechs Schienen, sechs Kreise im "Labyrinth": Sechs
Millionen Juden starben unter deutschem Terror. Sechs Tage soll der Mensch arbeiten.
Der Gruppe von sechs Akazien korrespondieren auf der gegen-überliegenden Seite
neun Ahornbäume.
Mit diesen Beispielen ist nun genügend Material ausgebreitet, um zwischen den
biblischen Psalmen 120 -134 und der Installation auf dem Kölner Heinrich-Böll-Platz
ein Gespräch zu eröffnen. Ermöglicht wird das Gespräch dadurch, dass ein jüdischer
Künstler uns mit seiner Arbeit geradezu nötigt, die Psalmen Israels hier zur Sprache
zu bringen. Damit unterstreicht Dani Karavan, was nach van Burens Einsicht die
Rolle der Evangelisten und Apostel für uns von jeher war: Sie laden uns ein, "die
fremde Post" zu lesen, und zwar so, dass wir die Geschichte der ersten Adressaten
ganz bewußt mitlesen. Nun sprechen die Kölner Stei-ne Hebräisch mit uns: Ma'alot.
Ma'alot über der Kölner Philharmonie: Ma'alot ist für Raschi, Radak und Ibn Esra
ein musikalischer Ausdruck, der auf ansteigende Töne und anschwellende Lautstärke
hinweist. Mit immer höheren und immer lauteren Tönen singen nach dieser Ausle-gung
die Juden gegen die Leiden des Exils immer stärker und zuversichtlicher an. Diverse
Stationen des Exils werden in der Gruppe der Ma'alot-Psalmen angesprochen: Ägypten
im Süden (Ps 129, 1), Babylonien im Osten (Ps 126 nach Avrohom Chaim Feuer), Meschek
im Norden (Ps 120, 5 nach Raschi gemäß Gen 10, 2 ein Volk am Schwarzen Meer) und
im Westen Griechenland / Rom (Midrasch Shoher Tov zu Ps 120, 5).
Und nun erkennen wir uns selber neben Ägypten, Babylonien, Meschek und Rom als
einen weiteren Ort des Exils für Israel. Und wenn wir diese Psalmen mit Israel
sprechen, erkennen wir uns als "Einwanderungsland", in dem unter anderen Migranten
auch Juden einen Platz gesucht haben neben uns. Israels Psalmen zu beten, das
heißt dann aber für uns unmittelbar und unweigerlich, dass wir uns entscheiden
müssen, ob wir für die ersten Adressaten "Einwanderungsland" sein wollen oder
nicht. Wir können diese Psalmen nicht haben ohne ihre ersten Adressaten. Und wir
können sie nur als religiöse Hehlerware behalten, wenn wir diesen und dem "vielen
Schwarmgemeng mit ihnen" (Die fünf Bücher der Weisung, verdeutscht von Martin
Buber in Gemeinschaft mit Franz Rosenzweig, 19683, zu Ex 12, 38) die Tore verschließen.
Der Dom und die Psalmen
So aber bekommt Köln, bekommt der 750 Jahre alte Dom, bekommen wir alle eine eigene
Note in den Aufstiegsliedern; wir sind auf diese Weise selber mit in den Psalter
hineingeschrieben und erfahren sehr konkret: tua res agitur. Im Gespräch zwischen
Karavans Ma'alot, der Geschichte dieses Ortes und den Gesängen der Leviten auf
den Stufen des Tempels werden wir in den biblischen Text mit eingeschrieben, allerdings
bedrängend konkret und ohne die Möglichkeit, in eine verallgemeinernde Menschheitsthematik
zu flüchten.
Zion kommt nicht nach Köln, und der Dom wird nicht zum Tempel Jerusalems. (Im
besten Fall wird er eine Übergangshütte unterwegs.) Aber die Ma'alot-Psalmen stellen
uns hier zwischen dem Zuglärm des Hauptbahnhofs, den Orgel- und Glockenklängen
des Doms, den Symphonien der Philharmonie und dem Gurgeln des Rheins zur Rede:
Wünschen wir Jerusalem Glück, dem wirklichen Jerusalem wirkliches Glück (Ps 122,
6)?
Ahorn und Akazien
Sechs Akazien hat Dani Karavan neun Ahornbäume gegenüber gepflanzt. Der Ahorn,
englisch sycomore, gehört zur botanischen Familie der Sycomoren. Die Sykomore
(Griechisch sukaminoV , hebräisch hefw, botanisch Ficus sycomorus) kommt in bibli-schen
Texten verschiedentlich vor; sie ist als hervorragendes Bauholz bekannt im ganzen
Nahen Osten. Die Ägypter verwen-den sie besonders gerne beim Bau von Mumiensärgen
wegen ihrer ausgezeichneten Haltbarkeit. König Salomo hat sie beim Tempelbau eingesetzt.
Ihr Wert wird so hoch eingeschätzt, dass König David einen besonderen Beamten,
den Baal-Hanan aus Gader, zur Überwachung des Sykomorenbestands einsetzt. (1.
Chr. 27,28.). So könnten die 9 Ahornbäume uns eine weitere Asso-ziationsbrücke
zum Tempel in Jerusalem bieten.
Aber warum auf der anderen Seite die Akazien? Die Encyclopaedia Judaica widmet
der Akazie einen längeren eigenen Artikel, der beginnt mit den Worten: "Acacia
(Heb. hfew, shittah), a tree of Israel..." (Encyclopaedia Judaica, 2, S. 198)
Und dann verweist uns der Artikel auf Jes. 41, 19: "Nach Jesaja werden Akazien
die Straße der aus dem Exil Heimkehrenden säumen und werden das wüste Land zur
Zeit der Erlösung erblühen lassen" . (Encyclopaedia Judaica, 2, S. 198)
So singen neben den Steinen die Bäume in Karavans Ma'alot. Und wir werden aus
der Geschichte und aus der Orientierung der Schienen nicht entlassen. Aber dennoch
hat diese Psalmenskulptur auch etwas Heiteres, Offenes, Zukunftsträchtiges. Wäre
es denn denkbar, dass der alte Dom die noch älteren Psalmen Israels in diesem
Sinne neu singen und beten lernte? Text der Gedenktafel: "An dieser Stelle war
der Aufgang zum Bahnhof Deutz-Tief. Von hier aus wurden 1940/41 mehr als 1500
Sinti und Roma und seit 1941 über 11000 Juden in Konzentrationslager deportiert.
Zudem wurden die Häftlinge des Messelagers Deutz hier an- und abtransportiert.
Über diese Treppe gingen viele Menschen in den Tod."