"Ein Haus des Betens für alle Völker" (Jes. 56,7)

Zur Wiedereinweihung der Kölner Synagoge in der Roonstraße

Schon im römischen Köln hat es eine jüdische Gemeinde gegeben. Ein Schreiben des Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321 wird als Beweis dafür angesehen; ja, dieses Schreiben gilt als Bestätigung dafür, dass es sich um die älteste urkundlich nachweisbare jüdische Gemeinde in Deutschland handelt. Dementsprechend nimmt man an, dass es im 4. Jahrhundert auch schon eine Synagoge, Zentrum des religiösen Lebens, gab. Funde dieser spätantiken Synagoge lassen sich indes nicht ausmachen. Ausgrabungen brachten aber den Nachweis einer mittelalterlichen Synagoge im Bereich des heutigen Rathauses: im 11. jahrhundert war die jüdische Gemeinde in Köln und die dortige Synagoge auch für die Juden, die in weitem Umkreis von Köln lebten, das geistige Zentrum. So heißt es in der Encyclopaedia Judaica   Jerusalem:      

"A chronicler of the first half of the 12-th century describes the Cologne community at the end of the 11-th century as "a distinguished city...from where life, livelihood, and settled law isuued for all our brethren scattered far and wide" ... "all the communities came to Cologne to the fairs three times a year and deliberated at its Synagogue"1    

Diese Synagoge ist während des 1. Kreuzzugs (1096) und bei Pogromen im 14. Jahrhundert mehrfach zerstört und wieder aufgebaut worden 2 , bis 1424 die Juden durch eine  Ratsbeschluss gänzlich aus der Stadt ausgewiesen und vertrieben wurden. Danach war es ihnen mehr als 350 Jahre hindurch rechtlich untersagt, sich in Köln niederzulassen. Erst 1798 - unter französischer Herrschaft - wurde den ersten Juden wieder erlaubt, sich in Köln anzusiedeln. 1861 konnte dann auch mit der Synagoge in der Glockengasse ein eindrucksvolles Gemeindezentrum im neo-islamischen Stil  errichtet werden.

Mit dem Anwachsen der Gemeinde und aufgrund geistiger/religiöser Auseinandersetzungen innerhalb der Gemeinde um Reformen, die u.a. Liturgie und Gesetze betrafen, schufen sich die orthodox ausgerichteten Juden 1884 ein neues Gotteshaus, die Synagoge in der St. Apern-strasse.3 (Sie bildeten seit 1906 die Austrittsgemeinde Adas Jeschurun.). Fünfzehn Jahre später - 1899 - konnte ein weiteres Gotteshaus eingeweiht werden, die Hauptsynagoge Roonstraße, die sowohl  von der äußeren Architektur im neo-romanischen Stil als auch in ihrer Innenausstattung einen der wachsenden Zahl der Gemeindeglieder und wegen der Ansiedlung der jüdischen Bevölkerung in weiteren Stadtgebieten nötig geworden.

So gab es um die Jahrhundertwende neben der "konservativen Synagoge" in der Glockengasse und der "orthodoxen Synagoge" in der St. Apernstrasse die "liberale Synagoge" in der Roonstrasse und schließlich als 4. Gotteshaus die 1927 eingeweihte Ehrenfelder Synagoge in der Körnerstrasse.

Alle Synagogen und viele Bethäuser in und um Köln sind in der Pogromnacht im November 1938 in rasendem Fanatismus in Brand gesetzt, zerstört und geplündert worden. Nur eine einzige Synagoge, die Synagoge in der Roonstrasse, konnte nach dem Krieg wieder aufgebaut werden.

Vor Beginn des sog. "Dritten Reichs" galt die Kölner jüdische Gemeinde als die fünftgrößte innerhalb Deutschlands.   Während des Nationalsozialismus ermordeten die Deutschen ca. 11000 Kölner Juden, so dass nach dem Krieg von der blühenden Gemeinde nur 40 Menschen überlebt hatten. "Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen wurde Köln befreit. Etwa 30-40 jüdische Menschen schlüpften aus ihren Löchern", berichtet Zvi Asaria, der als erster Gemeinderabbiner nach dem Krieg seine Amt in Köln antrat 4 Ein Gemeindeleben gab es nicht mehr; die Synagogen lagen in Trümmern; von der Synagoge in der Roonstraße standen nur die Außenmauern und der Kuppelbau. In der Trümmern dieses Gotteshauses feierten die Juden am 29.4.1945 ihren ersten Gottesdienst: es war der tag an dem die Gemeinde in Köln neu gegründet wurde. Notgedrungen wurden die Gottesdienste auch weiterhin in den Ruinen der Synagoge abgehalten, bis man in den Restgebäuden des Jüdischen Asyls in der Ottostraße eine Betsaal und später eine kleine Synagoge einrichten konnte. Dieser Raum genügte auch zunächst für die Wenigen Gemeindemitglieder. Was sollte man mit einer großen Synagoge wie der in der Roonstrasse? Außerdem wollten die Juden, die die Gräuel der NS-Zeit in Köln Überstanden und die Hölle der Konzentrationslager überlebt hatten und zurück waren, Deutschland so schnell wie möglich verlassen.  Aber ganz verfallen lassen wollte man das Gebäude auch nicht; so beschloss die Gemeinde, die Synagoge so instand zu setzen, dass man sie für kulturelle Zwecke verpachten konnte; aber dieser Plan konnte nicht verwirklicht werden. In den fünfziger Jahren wuchs die Gemeinde weiter an, da auch aus dem Ausland Juden nach Köln zurückkehrten. So stellte sich die Frage nach einem neuen Gotteshaus. 1956 beschloss der Vorstand der Gemeinde die Synagoge in der Roonstrasse wieder aufzubauen, um das Gebäude für Gottesdienste, aber auch andere gemeindliche Zwecke nutzen zu können. Es galt ein Gemeindezentrum zu schaffen, das allen Gemeindegliedern - streng orthodoxen wie auch liberalen - gerecht würde; und man erstrebte "die Bildung einer Lebenseinheit, ein Nebeneinander von Gotteshaus, Gemeindesaal, Verwaltung, Jugendheim, Kindergarten und Altersheim, also eine lebendige, organische Einheit." 5

Durch den Einsatz des Bundeskanzlers und früheren Oberbürgermeisters von Köln, Konrad Adenauer, und mit der finanziellen Unterstützung des Landes NRW konnte 1958 mit dem Wiederaufbau der Synagoge und eines damit verbundenen Kulturzentrums begonnen werden. Währen die Gestaltung des Innenraums den neuen Gegebenheiten Rechnung tragen musste, gestaltete der Architekt H. Goldschmidt eine "Außenhaut, die zwar mit dem Wiederaufbau verändert wurde, aber im wesentlichen dem Aussehen des alten Baues entspricht." 6   Die Einweihung dieser wiedererrichteten Synagoge fand am 17. Elul 5719 nach jüdischer Zeitrechnung statt, am 20. September 1959. Die jüdische Gemeinde beging diesen Tag mit einem Festakt, in dessen Mittelpunkt der Festgottesdienst mit der Einbringung der Thorarollen stand. Zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten des politischen, kirchlichen und kulturellen Lebens, u.a. Dr. H. Pünder, der Vorsitzende der 1958 gegründeten Kölner Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, waren geladen dazu der Missionschef des Staates Israel, Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsteher jüdischer Gemeinden des In- und Auslands. Der in den Medien am häufigsten genannte Gast war der frühere Oberbürgermeister Kölns und jetzige Bundeskanzler Konrad Adenauer. Ihre Reden und Grußbotschaften begleiteten den Festakt. Auch in der zu diesem Anlass erstellten Festschrift mit dem Titel "Zur Weihe der wiederhergestellten Synagoge Roonstrasse und des jüdischen Kulturzentrums in Köln" sind Geleitworte und Grußbotschaften nachzulesen.

Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde werden diese Feierlichkeiten mit "gemischten Gefühlen" beigewohnt haben; neben der Freude standen sicherlich auch die Schatten der Vergangenheit. Und auch jetzt  war die Situation in Köln keineswegs so, dass man von einem freundlichen oder gar freundschaftlichen Miteinander von nicht-jüdischen und jüdischen Kölnern hätte sprechen können. Noch immer standen viele der jüdischen Gemeinde indifferent oder sogar ablehnend gegenüber.  In einem Interview mit dem "Kölner Stadtanzeiger" formulierte der Gemeinderabbiner Dr. Zvi Asaria die Situation mit den lapidaren Worten: "Wir werden toleriert. Das ist alles."

Dagegen spiegelt sich in den Festreden und Geleitworten des Rabbiners, des Vorstands und der Gemeindevertretung der Synagogengemeinde im 1. Teil der Festschrift 8 die geistige Haltung derer, die trotz aller qualvollen Erfahrungen mit dem Wiederaufbau und der Wiedereinweihung der Synagoge ein Zeichen der Hoffnung und der Versöhnung setzen wollen.    In diesem Sinne zitiert der Gemeinderabbiner den Propheten Maleachi (Mal. 2,10): "Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen?" und er spricht von dem Glauben an den Mitmenschen trotz Gottesfinsternis und dichtem Nebel unserer Zeit". Es fällt auf, dass das Grauen der Vergangenheit - Verachtung / Misshandlung / Deportation / Mord - in Bildern umschrieben werden, um dem Schrecken in der Kraft des "festen Glaubens an den Allmächtigen" die Schärfe zu nehmen. Das bedeutet jedoch nicht, das alles und die Opfer zu vergessen.

Das betonen auch Jacob Birnbaum und Sally Kessler als Mitglieder des Vorstands der jüdischen Gemeinde: "Niemand kann uns missverstehen, wenn wir uns geloben, diese Martyrer nie zu vergessen... Auch der nicht-jüdische, aber einem Glauben verpflichtete Mensch wird für dieses Gedanken Verständnis aufbringen." Wie Asaria sprechen auch sie von der jüngsten Vergangenheit in einer Umschreibung, in dem Bild der Nacht: "Die lange Nacht von 1933-1945 hat selbst abgewandte Augen und Herzen wieder ihrem Gott zugeführt. Sie hat auch den Blick geschärft für die Gemeinsamkeit aller gottverbundenen Menschen, welchem Glauben sie auch angehören mögen." Ja, am Ende seines Geleitwortes erbittet der Gemeindevorstand Gottes Segen, auf dass das wieder errichtete Gotteshaus "ein Haus des Betens für alle Völker sein möge. Möge es ein Haus des Friedens sein !" Die Hand der Versöhnung wird weit  ausgestreckt!                                                                                                    Das bekräftigte S. Kessler noch einmal in seiner Rede während der Einweihungsfeier. Von derselben Haltung zeugen auch die Worte, die die Vertreter der Gemeinde in ihrem Geleitwort am Anfang der Festschrift an die nicht-jüdischen Kölner  richten:  "Weit öffnen wir unsere Tore für unsere nichtjüdischen Mitbürger, damit sie aus Anschauung und persönlicher Erfahrung unsere Tradition miterleben können. Wir hoffen, dass ihnen aus solcher Anschauung ein neues Gefühl echter und dauernder Verbundenheit auch mit uns erwächst. Unser Ziel ist es. in Zusammenarbeit mit dem Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln in diesem Sinne zu wirken."

Mit welchen Empfindungen, mit welchen Gedanken haben wohl die Adressaten diese Worte vernommen, diese Geste des Entgegenkommens wahrgenommen? Und wie begegnen sie denen, denen sie unsagbares Leid zugefügt haben? Wie zeigt sich das in den Grußworten der Festschrift?

Zunächst seien hier die Grußworte der Vertreter der Kirchen betrachtet. Die fünf Sätze, die der Kölner Erzbischof Jos. Kardinal Frings an die jüdische Gemeinde richtet, zeigen eine distanzierte Haltung, obwohl der Kardinal in seinem Segenswunsch die Juden "unsere jüdischen Brüder" nennt und damit die Verbundenheit von Juden und Christen zum Ausdruck bringt - und das zu einem Zeitpunkt, an dem die (katholische) Kirche sich noch sehr schwer mit diesem Gedanken tut.

Hans Encke, Superintendent der Evangelischen Kirche in Köln und Mitbegründer der Kölnischen Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit, wendet sich ebenfalls nur mit einem kurzen Grußwort an die jüdische Gemeinde, der er als erstes "herzliche Mitfreude" bekundet. Wenn er im Folgenden sagt, der Wiederaufbau der Synagoge und des Kulturzentrums sei "wahrlich nicht selbstverständlich" nach allem, was Juden in Köln erfahren haben, hat er ihre Situation erkannt, ihre Ängste und Fragen, ihre Zweifel im Blick auf die Zukunft. Encke erwartet aber den "Beginn einer neuen für unser Volk und die Welt fruchtbaren Gemeinschaft." Darum wendet er sich an die jüdische Gemeinde mit der Bitte, "dass neues Vertrauen langsam wachsen möge und darinnen offenbar werde Vergebung über der furchtbaren Vergangenheit."

Klare Worte findet der Kultusminister von NRW Werner Schütz. Er macht deutlich, dass bei aller Freude über die Wiedererrichtung des jüdischen Zentrums in Köln die Vergangenheit nicht vergessen werden kann und darf. Er bezeichnet die Vergangenheit als "eine Vergangenheit, die in großem Umfange schrecklich und sündhaft ist und deren wir alle uns nie ohne Schmerz, Scham und Bußfertigkeit erinnern dürfen." Daraus ergibt sich für Schütz eine "uns allen gemeinsam auferlegte(n) Verpflichtung". Mit dem Hinweis auf Genesis 50, 15-21 - die Bibelstelle wird in dem Grußwort ganz zitiert - stellt er Juden und Nicht-Juden für die Bewältigung ihrer gemeinsamen Aufgabe Joseph als Vorbild hin. Die wiedererrichtete Synagoge mit ihrem Kulturzentrum gilt dem Kultusminister als "Stätte, die zur Bewältigung der Vergangenheit mitzuhelfen beauftragt und befähigt ist."

Von den in der Festschrift enthaltenen Grußworten soll noch eins hervorgehoben werden, das des Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Sowohl in seinem Grußwort, aber mehr noch in seiner Rede vor der Festversammlung ist ihm eines besonders wichtig: seine Anteilnahme am Ergehen der jüdischen Gemeinde zum Ausdruck zu bringen, seine Mit-Freude - die Wiedererrichtung der Synagoge ist ja u.a. seiner Unterstützung zu verdanken - aber auch die Mit-Erinnerung an das Leid im Nationalsozialismus und die gemeinsame "Hoffnung, die Gewissheit auf eine andere, gute Zukunft". Schlüsselwörter sind dementsprechend: Anteil / miteinander teilen / gemeinsam / das Personalpronomen "wir". damit reiht er sich, obwohl er betont, in seiner Funktion als Bundeskanzler zu sprechen, in die Gemeinschaft von Juden und Nicht-Juden ein. So lautet der Schlusssatz seiner Rede: "... dass wir alle miteinander sein wollen ein Schutz der Ordnung und ein Hort und Schild der Gerechtigkeit."10                                                                          

Fast scheint es so, als ob Kölns Oberbürgermeister Theo Burauen diesen Gedanken aufgreife, wenn er in der Festschrift gleichsam als Fortführung dessen, was Adenauer gesagt hat, und als Antwort auf die jüdische Ermutigung "Weit Öffnen wir die Tore" - die "christlichen Mitbürger unserer Stadt auffordert, "dass wir gewissermaßen als symbolischen Akt der Wiedergutmachung unsere Türen, unsere Arme und unsere Herzen weit öffnen."        Adenauers Grußwort in der Festschrift macht allerdings deutlich, dass er in der Wiedererrichtung der Synagoge und des jüdischen Kulturzentrums auch "eine politische Dimension" sah: "Dies scheint mit ein sichtbarer beweis für die Erfolge der Wiedergutmachungspolitik der Bundesregierung..."     Das bedeutet: "Die Bundesregierung demonstrierte mit diesem spektakulären Akt aller Welt: Wir haben uns geändert. Die Opfer von einst haben wieder Vertrauen gefasst, jüdisches Leben gehört wieder zur deutschen Normalität... Deutschland heute, so die Botschaft, ist ein verlässlicher Partner." 11

Es wird also deutlich, dass die Wiedererrichtung der Synagoge und des jüdischen Kulturzentrums in der Roonstrasse eine weite Beachtung fand, über die Gemeinde und über Köln hinaus.  Aus diesem Grund griff die Presse dieses Ereignis in ausführlichen Berichten in Kommentaren und Interviews auf. 12 Die Kölner Zeitungen - und immer diesen will ich einige ins Blickfeld stellen - kreisen alle um ein zentrales Thema: die Bedenkung des neu geweihten Gotteshauses und des jüdisches Kulturzentrums für die Beziehung zwischen den Juden und ihren nicht-jüdischen Mitbürgern. In großen Lettern weisen die Headlines auf das Ereignis hin:

- "Die Antwort auf den Hass" ("Kölner Stadt-Anzeiger")

- "Weg zu gemeinsamer Versöhnung" ("Kölner Stadt-Anzeiger")

- "Kölns neue Synagoge wurde zur Stätte der Versöhnung" ("Kölner Stadt-Anzeiger")

- "Die Pforte des Heils" ("Kölner Stadt-Anzeiger")

Schon einige Tage vor der Einweihung, am 18.9.59 hatte der "Kölner Stadt-Anzeiger" ein Interview mit dem Gemeinderabbiner geführt (s.o.); am 19.erschien in derselben Zeitung ein Kommentar von W. Reifenrath mit dem Titel "Die Antwort auf den Hass". Darin schreibt er: "... dass die Juden mit dem Aufbau ihres Gotteshauses gezögert haben. Sie zögerten, weil sie nicht wussten, ob sie in ihrer alten Heimat, die sich ihnen einmal versagte, wieder eine neue Heimat finden würden. Die Vergangenheit stand zwischen ihnen und uns. Da sie aber nun morgen ihre Synagoge einweihen werden, wird deutlich, dass sie auch von sich aus den Schritt über die Kluft tun wollen. Sie wollen Austausch, Ausgleich, Verstehen und Güte. Das ist ihre Antwort auf den Hass der Vergangenheit."

Und weiter unten im Text heißt es: " Die Wirklichkeit des Kölner Synagogenhaus ist frappierend. Nicht nur dem Wort, sondern auch dem Raum und der geistigen Absicht nach wurde dieser Platz des "Zusammenkommens" errichtet.  .... Die Juden öffnen ihr Gotteshaus. Sie gewähren allen Gutwilligen, allen Einsichtigen Zutritt und Einsicht."

Am Tag nach der Einweihung, am 21.9. berichteten die Kölner Zeitungen z.T. detailliert über den Festakt. Der Artikel der NRZ ("Neue Rhein-Zeitung") legt den Finger besonders auf die Reden des Gemeinderabbiners Zwi Asaria, Adenauers und J. Birnbaums, den der Verfasser Helmar Meinel mit dem Satz zitiert: "Denn Jude sein, heißt die Welt versöhnen."

In der "Kölnischen Rundschau" betont der Verfasser unter dem Kürzel "lie" den "Willen zu friedlicher Gemeinsamkeit" in der Ansprache Adenauers; er verweist auch auf die Rede Asarias. Dieser habe gesagt, die "Weihe der Synagoge werde im Geist der Liebe, der Eintracht und der Gottesfurcht vollzogen"; und J. Birnbaum zitiert er indirekt mit folgenden Worten:  "...In der Nacht des Unglaubens habe das unsichtbare Band des Gottesglaubens jüdische und nicht-jüdische Bürger geeint. Mit Toleranz müsse sich nunmehr die Überwindung alles Trennenden vollziehen. Deshalb seien Synagoge und Kulturzentrum auch weit für alle nicht-jüdischen Menschen geöffnet."

Der Artikel im "Kölner Stadt-Anzeiger" beschreibt den feierliche Akt der Weihe, wobei der Verfasser Chr. von Imhoff den Geist, in dem diese Feierstunde begangen wurde, spürbar zu machen sucht. Besondere Erwähnung finden die Reden des Rabbiners, des Gemeindevorstands und Adenauers. J. Birnbaum wird mit den Worten zitiert:  "... dass in der Nacht des Unglaubens ein unsichtbares Band zwischen jüdischen und nicht-jüdischen gottverbundenen Menschen entstand, das heute seine Bewährungsprobe zu bestehen hat." und weiter: "Unsere Zukunft in dieser Stadt hängt von unseren Mitbürgern ab."

Man kann die Bedeutung der Wiedereinweihung der Synagoge in der Roonstrasse nicht angemessener zum Ausdruck bringen, als es J.W. Reifenrath in seinem Artikel im "Kölner Stadt-Anzeiger" vom 19.9. 1959 tut. Darum will ich ihn am Schluss noch einmal zitieren:  "Es ist ein erschütternder Eindruck, dass die Gläubigen eines so oft, so schmerzlich und so bitter vom Hass der anderen gezeichneten Volkes über ihre Not und unmittelbar neben das gedenken an die Opfer der Gewalttat in ihr Gotteshaus die Inschrift schreiben: "Dieses Haus ist ein Haus des Betens für alle Völker !"

Nachwort:

Dass der Antisemitismus in Deutschland, in Köln noch keineswegs überwunden ist, zeigt u.a. die Tatsache, dass am 25.12. 1959 - nur drei Monate nach der Wiedereinweihung der Synagoge mit Hakenkreuzen und mit der Parole: "Juden raus" geschändet wurde.13

Anmerkungen:

1) Encyclopaedia Judaica, Jerusalem, S. 738/3;

2) vgl. Aufsatz über die Ratskapelle (B. Hundesalz);

3) zur Geschichte der Adass Jeschurun vgl. u.a.: A. Carlebach, Adass Jeschurun of Cologne; "The Life and Death of a Kehilla", Belfast 1964;

4) Z. Asaria (Hrsgb.): "Die Juden in Köln", Köln 1959, S.401;

5) Ebd. S. 198; s. auch: H. Goldscmidt:"Zum Aufbau der Synagoge Roonstrasse" in der Festschrift "Zur Weihe der wiederhergestellten Synagoge Roonstrasse und des jüdischen Kulturzentrums in Köln", Köln 1959;

6) H. Künzl: "Synagogenbauten des 19. Jahrhunderts in Köln" in "Köln und das rheinische Judentum", Festschrift, Köln 1981, S. 233;

7) "Kölner Stadt-Anzeiger" vom 18.9. 1959, in G. Ginzel/S. Günter (Hrsgb.): "Zuhause in Köln" - Jüdisches Leben 1945 bis heute", Köln 1998, S.112;

8) Diese und die folgenden Ausführungen und Zitate von Gruß- und Geleitworten beziehen sich auf die Festschrift "Zur Weihe der wiederhergestellten Synagoge Roonstrasse und des jüdischen Kulturzentrums in Köln", Köln 20.9. 1959;

9) Auszüge aus der Rede von S. Kessler finden sich in: G. Ginzel /S. Günter (Hrsgb.): "Zuhause in Köln" - Jüdisches Leben 1945 bis heute", Köln 1998; S. 116;

10) Ebd. S. 117;

11) Ebd. S. 114;

12) vgl. die Zeitschriftensammlung des Archivs der Synagogengemeinde Roonstrasse

13) vgl. J. Zieher: "Zur Wiedererrichtung jüdischer Gemeinden in Rheinland ab 1945; Beispiele Düsseldorf und Köln, in: Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (Hrsgb.): "Deutsche Juden - Juden in Deutschland / Regionalgeschichtliche Forschung zum jüdischen Leben - und Leiden - währen des "3. Reiches" und von 1945 bis zur Gegenwart", Köln 2000, S.62-63.

Sibille Westerkamp

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